Co-Pilotin

Wie wird man BeifahrerIn und was muss man können?
Diese Frage ist mir oft gestellt worden. Hier ist meine Antwort:
Aufgewachsen bin ich auf einem Bauernhof in Wärmland in einer großen Familie, wo wir gelernt haben, alles selbst zu tun und hinzukriegen. Vielleicht ist das ein beitragender Anlass dazu, dass ich alle Projekte, die ich anfange, auch durchführen will. Als gute Beifahrerin braucht man Geduld; man muss gewissenhaft sein, gut organisieren können und den Rhytmus im Blut haben.

Es fing damit an, dass mein erster Freund, Lars-Erik Torph, mich angeworben hat. Anfangs habe ich alles organisiert, was seine Rennen betraf. Als er jedoch eines Tages keine Beifahrerin hatte, musste ich einspringen. Eigentlich kann man diesen Beruf in keiner Schule lernen. Man muss die ältere Generation um gute Ratschläge bitten und dann ganz einfach noch und noch an Rennen teilnehmen. Kurz und gut: hat man das Talent, Noten zu lesen und sich mit Hilfe einer Landkarte zu orientieren, dann hat man das Zeug dazu, eine gute Beifahrerin zu werden.

Es ist nicht immer so ganz einfach gewesen, im Motorsport Karriere zu machen. Tief waren die Täler – mit langen Steigungen. Wenn ich aber zurückschaue, habe ich doch durch diesen Sport ein fast unfassbar ereignisreiches Leben gehabt. Ich bin um die Welt gereist, habe unbekannte Kulturen mit anderen Religionen und deren Vorstellungswelt kennengelernt. Ich habe die Möglichkeit gehabt, ständig dazuzulernen. Natürlich hatte ich es als Frau in dieser ausgesprochenen Männerwelt nicht leicht.  Zeigt man aber, was man kann, leistet man etwas, kann man sein ”Produkt” verkaufen – ja, dann hat man Arbeit


Die Arbeit als Beifahrerin an sich bedeutet, 16 Stunden am Tag im Rallye-Auto zu sitzen, Noten zu schreiben oder auf die Landkarte zu gucken und den Weg anzuweisen. Ich mache auch einen Unterschied zwischen einem Rallye-Auto und einem Wagen für Wüstenrennen. Sehr unterschiedliche Kenntnisse und Fähigkeiten werden gefordert, je nachdem, in welchem Auto man sitzt. Der Unterschied ist folgender: In einer Rallye muss man den richtigen Grad jeder Kurve aufzeichnen und zusehen, dass die Maße zwischen den Kurven stimmen. Fährt man einen Rallye-Wagen in einem Wüstenrennen, ist es von größter Bedeutung, zu wissen, wo man ist und dann dem nächsten Punkt auf der Karte zuzusteuern. Hier wird von mir 100 Prozent Konzentration gefordert, denn falls mir etwas entgeht, kann alles schiefgehen und wir können sogar vom Weg abkommen, im Sand steckenbleiben oder uns in den riesigen Sanddünen verfahren. Während des Rennens muss ich auch auf die Zeit aufpassen, denn alles geschieht unter Zeitdruck, und wenn wir uns nicht an die vorgeschriebenen Zeitpläne halten, bekommen wir eine Zeitbuße. Man kann nie ausspannen, sondern muss die ganze Zeit auf Draht sein und schwer aufpassen. Jede Menge Vorbereitungen müssen getroffen werden – und oftmals muss man schlau sein wie ein Fuchs!

Wenn ich an einer ganzen Meisterschaft teilnehme, bleibt für mein Privatleben kaum Zeit übrig. Da komme ich auf ungefähr 250 Reisetage, einschließlich Presse- und PR-Events.

Außerdem muss man in guter Verfassung sein, weil der Körper großen Strapatzen ausgesetzt ist und man unter Stress und Druck steht. Deshalb ist es wichtig, das man es lernt, richtig zu essen und ausreichend zu schlafen. Fuschen kommt als Bumerang zurück! Gleichgewicht und innere Harmonie sind sehr wichtige Puzzleklötzchen.

Meinen Sport habe ich seit 1990 als Beruf. Nach wie vor habe ich Spaß an meinem Job und finde ihn genauso spannend wie eh und je. Der Unterschied ist, dass ich heute nicht mehr die Routine brauche, nach der ich anfangs gestrebt habe. Heute will ich Ergebnisse sehen, mit einem Wort: um Siege kämpfen! Um aber auf dem Siegerpodest zu stehen, muss man heute ein konkurrenzfähiges Auto haben. Da geht die Technik gewaltig schnell voran. Während der Zeit, in der ich aktiv war, bin ich viel Rallye auf gesperrten Wegen gefahren, 1999 fuhr ich jedoch zum ersten Mal in einer Wüstenrallye.

Es fing an in einem MITSUBISHI PAJERO zusammen mit Jutta Kleinschmidt. Wir fuhren ein Rennen, das in einer Zeitspanne von drei bis 25 Tagen stattfand. Fährt man in Weltmeisterschaften, dauert das Training allein im Ganzen eine Woche und das Rennen an sich drei Tage. In der Wüste sagen wir, dass alles ”blind” ist, d.h. dass man nicht weiss, wie es aussieht oder ob man einem Weg folgen kann. Jeder Tag bedeutet ein neues Abenteuer. Jeden Abend kommt man an einen neuen Platz, dort bekommt man eine Karte für den nächsten Tag und das neue Ziel. Da gilt es, Geduld zu haben und nicht gleich aufzugeben. Nur wenig Schlaf kriegen wir; wir wohnen in einfachen Zeltlagern. 2001 – 2002 kam ich zu den Rallye-Weltmeisterschaften zurück, habe dann aber seit 2003 im NISSAN Rallye Raid-Team gearbeitet und nur in der Wüste draußen an Rennen teilgenommen. Das Ergebnis ist: zwei Totalsiege, einer in Marokko und einer in Portugal. Im Mai 2005 habe ich die Zusammenarbeit mit Geniel de Villiers und VOLKSWAGEN angefangen. Während dieser Saison erreichten wir dreimal den 2.Platz im Rennen um den Wüsten-Pokal und den 2. Platz insgesamt in der Paris – Dakar-Rallye 2006.
Darauf bin ich sehr stolz! Danach folgten im Jahr 2008 zwei World-Cup-Siege, einer in der Wüstenserie und einer in der Fias Baja-Serie, beide in Zusammenarbeit mit Nasser Al-Attiyah aus Katar. In der Dakar 2009 hatten wir die Führung, bis wir leider in der 6. Etappe das Rennen abbrechen mussten. Seit März 2009 habe ich einen neuen Fahrer und arbeite als Co-Pilotin für Guerlain Chicherit, Frankreich. Wir haben den World-Cup in der Wüstenserie 2009 gewonnen, davon zwei Teilstreckensiege.

Ich habe auch mit der Zeit großes technisches Können erworben und viel Fahrübung hinter mir. Jedoch habe ich eingesehen, dass ich niemals genauso gut Auto fahren werde wie die Fahrer, mit denen ich diese ganzen Jahre hindurch zusammengearbeitet habe. Andererseits ist es ja nicht meine Sache, und die Frage ist immer noch, ob die Fahrer das können, was ich kann …. Ich weiss, dass ich meinen Voraussetzungen nach mein Bestes leiste, und jeden Erfolg rechne ich mir als einen Sieg an.

Frau zu sein in diesem ausgesprochen männlichen Sport, ist nicht immer so erfreulich gewesen, wenn es auch seine guten Seiten gehabt hat. In meiner Berufswelt kriegt man nichts geschenkt, und man braucht

seine Ellbogen. Auf der anderen Seite kann ich mich ab und zu wie eine richtige Lady fühlen, denn Gentlemen sind die meisten Männer des Rallye-Sportes. Wenn ich zu den Presse- und PR-Events komme, habe ich als Frau einen großen Vorteil: unter allen diesen Männern richtet  sich Aller Aufmerksamkeit auf mich, man sieht mich also sofort!

Mit der Zeit habe ich mit vielen Fahrern zusammengearbeitet. Meine Karriäre fing bei Lars-Erik Thorp an, dann waren es Carina Hermansson, Susanne Kottulinsky, Mat Jonsson, Ola Strömberg, Mats Karlsson, Leif Asterhag, Louise Aitken-Walker, Isolde Holderied, Simon Davison, Uwe Nittel, Mika Solberg, Mattias Ekström, Jutta Kleinschmidt, Thomas Rådström, Kenneth Eriksson, Ari Vatanen, Colin Mc Rae und letztlich Giniel de Villiers, Nasser Al-Attiyah und Guerlain Chicherit.

Alle Autotypen bin ich gefahren: VOLVO, SAAB, Audi, Volkswagen, Opel, FORD, TOYOTA, SUBARU, LADA, MITSUBISHI, Citroën, SKODA, NISSAN und BMW. Außerdem nationale Autos in der Gr A, Grand National und WRC. Schwedische, deutsche, englische und Europa-Meisterschaften gehören mit zu meinen Verdiensten, dazu Rallye-Weltmeisterschaften und die Raid Rallye-Serie (Wüste).

Zu meinen besten Ergebnissen rechne ich die Siege in den Teilwettkämpfen in den nationalen Meisterschaften, den 2. Platz bei der Europameisterschaft und in der Gruppe N WM. In zwei Weltmeisterschaften ist es uns gelungen, den 2. und 3. Platz zu belegen. In der Rallye Paris – Dakar haben Jutta Kleinschmidt und ich es 1999 geschafft, unsere Klasse zu gewinnen und insgesamt den 3. Platz zu belegen. Wir waren das erste Damen-Team, das je auf dem Siegerpodest gestanden hat! Das aber habe ich 2006 übertroffen durch den 2. Platz insgesamt zusammen mit Giniel de Villiers.

In den Jahren 2008 und 2009 habe ich zusammen mit X-Raid drei World Cup-Siege errungen. Wie schon erwähnt, bin ich mit den verschiedensten Fahrern mehrere Male die Dakar gefahren, und wir hatten oftmals die Führung. Doch ist es uns nie gelungen, schlieβlich als Sieger durchs Ziel zu fahren. Bei der Dakar 2010 in Südamerika holte Team Chicherit (F)/Thörner (Ch) in der 11. Etappe den Etappensieg. Unser Endergebnis in dieser berühmten und strapaziösen Rallye war Platz Nr. 5!
Ich bin mächtig stolz und sehr zufrieden mit diesen hervorragenden Ergebnissen in einem anerkannt harten und schwierigen Sport.

Jetzt habe ich viele meiner Zielsetzungen in die Tat umgesetzt:
Nämlich in der Paris – Dakar-Rallye durchs Ziel zu fahren und eine ganze Weltmeisterschaft-Saison hindurch mit einem Fabriksteam zu fahren.

Was mich jetzt noch lockt ist, mit die Paris – Dakar-Rallye zu gewinnen. Gleichzeitig bin ich dabei, umzusatteln. An Stelle der professionellen Co-Pilotin tritt die Beraterin und Betreuerin und zeigt Anderen den Weg, die eigene Motivation zu finden und ihre höchst persönlichen Ziele zu erreichen und Herausforderungen zu bejahen.

Das bedeutet, dass ich mich auf einem neuen und spannenden Weg orientieren werde!


 

"Wer sucht, der findet!"